Militär ist das Problem, nicht die Lösung
In Politik und Gesellschaft ist seit Kriegsbeginn medial befeuert ein regelrechter militaristischer Sog entstanden, dem sich viele Politiker*innen, aber auch viele Theolog*innen und führende kirchliche Vertreter*innen nicht entziehen können.
Kritiker*innen dieser Entwicklung werden der Ponyhof-Theologie, des Lumpenpazifismus, des Egoismus und Zynismus beschuldigt. Der Pazifismus sei zwar zu respektieren, im Moment jedoch keine verantwortliche Handlungsoption.
Versagt hat jedoch nicht der bislang nirgendwo in Europa praktizierte Pazifismus, sondern einmal mehr die militärische, auf Abschreckung basierte Friedenssicherung.
Bezüglich der Notwendigkeit militärischer Verteidigungsfähigkeit besteht ein großes Einvernehmen zwischen den allermeisten demokratischen Regierungen mit den schlimmsten Diktaturen. Deshalb ist nicht nur der autokratische Präsident Putin ein erhebliches Problem, sondern auch die Institution Militär als solche. Deren ökonomische und ideologische Triebfedern haben eine Eigendynamik zum Entstehen ständig neuer Konflikte.
Die immer wieder angesprochene Dichotomie – entweder militärische Verteidigung oder Nichtstun - offenbart, dass sich die Verantwortlichen in Politik und Kirchen noch nicht eingehend mit den Alternativkonzepten Friedenslogik und Sicherheit-neu-denken als Drittem Weg befasst haben.
Der Satz “Wir werden so oder so schuldig“ wird zur pauschalen Rechtfertigung der bislang verbotenen Waffenlieferungen in Krisen- und Kriegsgebiete zitiert. Bei einer ethischen Entscheidung gilt es jedoch, die Risiken und Folgen einer bestimmten Handlung im Lichte der eigenen Wertvorstellungen abzuwägen und sich für das kleinere Risiko zu entscheiden.
Dieser Krieg in Europa sollte Anlass geben, über den Sinn militärischer Friedenssicherung grundsätzlich nachzudenken und vorhandene Alternativkonzepte wie Sicherheit-neu-denken inklusive sozialer Verteidigung unvoreingenommen wahrzunehmen. Die Arbeitsgruppe Friedenslogik der Plattform Zivile Konfliktbearbeitung hat am 11. Mai 2022 konkrete Schritte von der Kriegs- zur Friedenslogik und Ansätze für den Verhandlungsweg aufgezeigt.
Im Energiebereich wurde diese Weichenstellung von der fossilen und atomaren zur nachhaltigen Energiegewinnung nach langem Ringen eingeleitet. Im Bereich der Sicherheitspolitik steht eine solche Zeitenwende nach wie vor noch aus. Im Blick auf die deutsche Vergangenheit sollte Deutschland hierbei Vorreiter sein.
Markus Weber
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Plattform zivile Konfliktberatung: Friedenslogik statt Kriegslogik, 2022
Theodor Ziegler: Der Ukrainekrieg aus pazifistischer Sicht, 2022
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