Für einen pragmatischen Pazifismus

Wie Frieden gemacht werden soll (pax= Friede / facere = machen) unterliegt seit jeher unterschiedlichen Interpretationen. 

Neben dem in der Bergpredigt Grund gelegten radikalen christlichen Pazifismus ist auch der „bürgerliche Pazifismus“ zu nennen, der zum Ziel hat durch parlamentarische, völkerrechtliche Arbeit, juristische Bedingungen zu schaffen, damit es zwischen Staaten nicht zu einem Krieg kommt. Ende des 19. Jahrhunderts gab es eine politische Minderheit, die Krieg und Militarismus kompromisslos ablehnten, auch wenn mehrheitlich Militär und Krieg nicht grundsätzlich in Frage gestellt wurden. 
 
Der britische Philosoph Bertrand Russell sprach von Pazifismus als "relativem Pazifismus". Er meinte, dass nur sehr wenige Kriege es wert seien, ausgetragen zu werden, und die Übel des Krieges fast immer schlimmer seien, als sie den aufgeheizten Bevölkerungen bei Kriegsanbruch erschienen. Er lässt Kriege als letztes Mittel gegen Tyrannen zu. 
 
Der Gegenentwurf hierzu ist ein militaristischer Heilsglauben, bei dem Kriegsfolgen nicht hinterfragt werden (Bellizismus). Den "Pazifismus". gibt es nicht. In der aktuellen Debatte und vor dem Hintergrund des Kriegs in der Ukraine gilt Pazifismus aktuell als wenig gesellschaftsfähig. Differenzierungen bleiben auf der Strecke. So geraten Korrektive zur herrschenden Kriegslogik aus dem Blick, gewaltfreie Alternativen ebenso.
 
Auch der überzeugte Pazifist Olaf Müller, der an der Humboldt-Universität Berlin zum Thema „Theorie des Pazifismus“ forscht, unterzieht in Anbetracht von Putins Angriffskriegs seine Auffassung von Pazifismus einer differenzierenden Prüfung. Ergebnis ist ein Konzept, dass den Pazifismus gegen das Vorurteil, eine weltfremde, blinde oder gar gefährliche Ideologie zu sein verteidigen soll. Im besten Fall, so Müller, könnte so Pazifismus mit realen politischen Erfordernissen in Einklang gebracht werden. Er sieht auf der Seite des gesinnungsethischen Pazifismus „eine Art moralische Arroganz“, auf der Seite des verantwortungsethischen Pazifismus eine „erkenntnistheoretische Arroganz.". Müller plädiert für einen „pragmatischen Pazifismus“ als Mittelweg. Dieser lässt nur gut begründete Ausnahmen zu und versucht den pazifistischen Grundgedanken zu retten, ohne realitätsfern oder verantwortungslos zu sein. Das hört sich vernünftig an, ein Dilemma aber bleibt: Schuldlos kommt man nicht davon.
 
Der pragmatische Mittelweg mag mit Vorsicht, Selbstkritik und kritischer Offenheit gegenüber gegnerischen Argumenten zu möglichst sachlichen, wertfreien und vielleicht guten Entscheidungen führen. Realpolitisch gesehen ist dies möglicherweise das maximal Erreichbare. Für Christinnen und Christen stellt sich aber die Werte-Frage insofern grundsätzlicher, als die Nachfolge Jesu die Richtschnur ist und persönliche, wie auch politische Antworten verlangt. Meine Sympathie gilt dem radikalen Pazifismus, mein Respekt allen, die dies zur persönlichen Richtschnur machen. Die Betrachtung der Realität aber führt bei mir zu differenzierten Sichtweisen, ist aber immer von der Überzeugung getragen, dass es nie so weit kommen darf, dass gesagt werden kann: Der Pazifismus ist gescheitert.
 
Christoph Bayer

Ich habe gelesen
Rolf Cantzen: Wie zeitgemäß ist Pazifismus?, SWR2 Wissen, 08.09.2023 
Olaf L. Müller: Pazifismus. Eine Verteidigung, 2022
Benedikt Schulz: Ein gigantischer Blutzoll, DLF 23. März 2023