Die Vision vom Gerechten Frieden
Angesichts der erfahrenen Kriegsgräuel veränderte sich nach dem Zweiten Weltkrieg der Fokus der friedensethischen Debatte und in den Mittelpunkt rückte die Frage, wie künftig Kriege vermieden werden könnten.
So prägte beispielsweise der Ökumenische Rat der Kirchen 1948 das Statement „Krieg soll nach Gottes Wille nicht sein!“. Entsprechend konzentrierte sich die friedensethische Debatte daraufhin verstärkt auf präventive Ansätze, wie durch gerechte Beziehungsarbeit das Wohl der Menschheitsfamilie ganzheitlich gefördert werden könnte. Diese Suche nach dem „gerechten Frieden“ fußt auf der Annahme, dass nicht allein die Abwesenheit gewaltförmiger Konflikte einen tragfähigen Frieden beschreibt, sondern vielmehr die den Konflikten zugrundeliegenden Ursachen beseitigt werden müssen – oder wie die Deutsche Bischofskonferenz es in ihrem Dokument „Gerechter Friede“ auf den Punkt bringt:
"Das Leitbild des gerechten Friedens beruht auf einer letzten Endes ganz einfachen Einsicht: Eine Welt, in der den meisten Menschen vorenthalten wird, was ein menschenwürdiges Leben ausmacht, ist nicht zukunftsfähig. Sie steckt auch dann voller Gewalt, wenn es keinen Krieg gibt. Verhältnisse fortdauernder schwerer Ungerechtigkeit sind in sich gewaltgeladen und gewaltträchtig. Daraus folgt positiv: Gerechtigkeit schafft Frieden.“
(Gerechter Friede, Nr. 59)
Frieden zu schaffen ist eine Aufgabe, der sich alle Menschen stellen müssen. Ohne Gerechtigkeit wird es keinen anhaltenden Frieden geben. Mit Blick auf den Ukrainekonflikt müssen politische Akteure und auch die Kirchen ihren Blick auf Osteuropa, insbesondere auf die orthodoxen Kirchen des Ostens kritisch prüfen. In dem Kontext ruft Regina Elsner dazu auf, den Dialog mit den Kirchen in der Ukraine und deren Vernetzung zu fördern.
Damit der gerechte Friede Wirklichkeit werden kann, braucht es aber nicht nur kirchliche Initiativen, sondern auch konkrete politische Maßnahmen wie eine effektive Umsetzung der siebzehn Nachhaltigkeitsziele der UN (sustainable development goals), eine Neuorientierung von Außen- und Sicherheitspolitik, eine konsequente Bildung, die auf den Abbau von Vorurteilen und die Stärkung von Demokratie zielt. Auf solche Initiativen werden die folgenden Kapitel zu sprechen kommen.
Hannah Biller
Ich habe gelesen
Deutsche Bischofskonferenz, gerechter Friede, 2000
