Ukrainekrieg - Ursachen, Interessen, Aussichten

Begegnungen mit dem Militärhistoriker Prof. Wolfram Wette. 

Es ist der frühere Bundespräsident Gustav Heinemann, der für Wolfram Wette zur Richtschnur für sein wissenschaftliches Arbeiten in der Historischen Friedensforschung wurde. 

Dessen Plädoyer für den „Ernstfall Frieden“ macht Wette immer wieder an folgendem Zitat deutlich: "Unendlicher Fleiß ist seit erdenklichen Zeiten von Geschichtsschreibern darauf verwandt worden, den Verlauf von Schlachten und Kriegen darzustellen. Auch den vordergründigen Ursachen von Kriegen wurde nachgespürt. Aber nur wenig Kraft, Energie und Mühe wurden in der Regel darauf verwandt, sich darüber Gedanken zu machen, wie man sie hätte vermeiden können."
 
Wette hat diesem Anliegen sein Leben gewidmet. In seinen aktuellen Vorträgen, Diskussionen (z.B. in unserem Ausschuss „Politik und Gesellschaft“) und in persönlichen Gesprächen wird schnell klar:
Wette bewegt sich mit seinem Schwerpunt der historischen „Kriegsverhütungsforschung“ nicht im Mainstream, er analysiert aus historischer Perspektive längerfristige Kriegsursachen, um daraus Wege zum Frieden auszumachen.
Dies gilt für sein Lebenswerk als Forscher, Demokrat und Aufklärer in Bezug auf die NS-Zeit, die Wehrmacht - und aktuell in Bezug auf den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine.
 
Ohne auch nur im Geringsten Werte, Menschenrechte und Demokratie klein reden zu wollen, kritisiert Wette doch, wie Debatten darüber mit eigener moralischer Überlegenheit verbunden werden und erinnert an den früheren Minister Egon Bahr, der 2013 gesagt hat: „In der internationalen Politik geht es nie um Demokratie oder Menschenrechte. Es geht um die Interessen von Staaten.“
 
Im aktuellen Krieg in der Ukraine ist für Wette die Kriegsschuldfrage zunächst einmal klar: „Russland hat, aus welchen Gründen auch immer, das Land überfallen. Russland ist der Aggressor, der völkerrechtswidrig gehandelt und damit eine große Schuld auf sich geladen hat. Aber alle anderen Probleme, die damit zusammenhängen, scheinen aktuell wenig interessant zu sein. Es drängt sich der Eindruck auf, als falle die lange Vorgeschichte von Putins Aggression der offensichtlichen Kriegsschuld Putins zum Opfer.
 
Eine wirkliche Analyse der Kriegsursachen sieht Wette derzeit nicht.
 
Stets ist aber zu fragen, ob mit jedem Krieg, der beginnt, aktuell die Diplomatie versagt hat, oder ob in der Vorgeschichte die Fehler zu suchen sind. Zurzeit ist es unpopulär, solch eine Frage überhaupt zu stellen. Aber ich bin überzeugt: Auch dieser Krieg hätte verhindert werden können.
 
Kriege sind keine übernatürlichen Erscheinungen, keine Schicksale. Kriege sind Menschenwerk, deshalb gilt grundsätzlich: 
Auch die Kriegsverhinderung ist Menschenwerk.
 
Das bedeutet zugleich: Der Erhalt des Friedens ist möglich – eine mehr als wichtige Aufgabe.
 
In Bezug auf Ursachenforschung des Ukrainekriegs sind Wette drei Aspekte zentral:
  • Die etappenweise Machterweiterung der USA, die 2013/14 die Kiewer Maidan-Revolution unterstützten - mit dem Ziel, die Ukraine dem russischen Einfluss zu entziehen und sie in die Nato hereinzuholen.
  • Die ukrainische Innenpolitik, in der auch faschis-tisch orientierte Nationalisten eine nicht un-wesentliche Rolle spielten und die vorhandene innenpolitische Spaltung.
  • Die Großmachtphantasien Putins im Zusammenhang mit der Auflösung der Sowjetunion.
 
Für die USA ging es bei der Selbsteinschätzung als Sieger im Kalten Krieg und einzig verbliebener Weltmacht (während Russland von Präsident Obama, als „Regionalmacht“ eingestuft wurde), auch um eine Schwächung des Rivalen Russland. Für Präsident Putin war der Zerfall der Sowjetunion die „größte Katastrophe des 20. Jahrhunderts“.
 
Immer stärker entpuppte er sich als Gewaltmensch und verfolgte eine Gewaltpolitik nach außen (nicht nur im 2. Tschetschenienkrieg) und nach innen mit einer rigorosen Verfolgung von Regimekritikern. Mögen historische Erfahrungen, wie der Krim-Krieg 1853, die beiden Weltkriege auf russischem Boden oder die - von Patriarch Kyrill metphysische überhöhte - Kampfansage gegenüber westlichen Ordnungs-vorstellungen, im Hintergrund eine Rolle spielen, sie rechtfertigen dennoch nicht die völkerrechtliche Aggression gegenüber der Ukraine. Allerdings ist auf westlicher Seite der Irakkrieg ebenfalls mit Lügen begründet worden, er stellt einen Völkerrechtsbruch dar und macht eine Vermittlung moralischer Überlegenheit nicht gerade leichter.
 
Und die Aussichten? Nicht sehr erfreulich, meint Wette, es mangele an Verhandlungsbereitschaft. Putin ist eindeutig der Aggressor, die Möglichkeit diesen Krieg zu verhindern, lag aber beim Westen, meint der Militärhistoriker und befürchtet, dass die unterschiedlichen Interessenlagen von Russland, der Ukraine und der USA momentan eher eine Fortsetzung des Krieges auf unbestimmte Zeit erwarten lassen. Wette: „So war es schon immer im Krieg: Rein kommt man schnell, raus aber ganz schwer. Zurzeit ist es schwer vorstellbar, wie die beiden Kontrahenten eine Brücke zueinander finden sollen. Das Konzept Ernstfall Frieden bleibt jedoch in Kraft, auch wenn das erforderliche Vertrauen erst ganz allmählich wieder aufzubauen ist. Alles andere verfestigt den Kriegszustand, der weit über die Ukraine hinausgehen kann. Wie auch immer dieser Krieg ausgehen mag, so steht doch eines fest: Russland bleibt der große, indirekte Nachbar Deutschlands auf dem europäischen Kontinent.”
 
Wir stehen vor der Alternative: Entweder ein neuer Kalter Krieg mit Waffengeklirr, Aufrüstung, Feindbildern, dem Kappen aller Beziehungen, die seit dem Zweiten Weltkrieg und insbesondere seit der Entspannungspolitik der 1970er-Jahre mühevoll geknüpft worden sind. Mit anderen Worten: ständige Kriegsgefahr. Oder wir gehen auf die Suche nach einer neuen Koexistenz bei Anerkennung der Unterschiede – mit der Vision einer Wiederanknüpfung an die Idee vom „Gemeinsamen Haus Europa‟.

Auch Papst Franziskus warnt vor einem einfachen Gut- Böse-Schema. Beim Ukraine-Krieg gebe es „keine metaphysischen Guten und Bösen ...”. Angesichts der „Brutalität und Grausamkeit‟ des russischen Angriffskrieges drohe die Welt „nicht das ganze Drama zu sehen, das sich hinter diesem Krieg abspielt, der vielleicht in irgendeiner Weise entweder provoziert oder nicht verhindert wurde‟. Ganz sicher in Übereinstimmung ist der Historiker Wolfram Wette mit der Aussage von Papst Franziskus: "Ich bin einfach dagegen, die Komplexität auf  die Unterscheidung zwischen Gut und Böse zu reduzieren, ohne über die Wurzeln und Interessen nachzudenken, die sehr komplex sind."
 
Christoph Bayer

Quellen 
Vortrag beim Ausschuss, verschiedene öffentliche Vorträge und persönliche Gespräche mit Prof. Wolfram Wette
Gustav Heinemann, Bundespräsident: Antrittsrede 01.07.1969