Ethos von Soldatinnen und Soldaten

Die Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr erfüllen ihren Auftrag, wenn sie aus innerer Überzeugung für Menschenwürde, Freiheit, Frieden, Gerechtigkeit, Gleichheit, Solidarität und Demokratie als den leitenden Werten unseres Staates aktiv eintreten.

Ein Trialog von drei Ausschussmitgliedern (zwei ehemaligen Soldaten und einem Wehrdienstverweigerer).
HS: Militär gehört bislang und wohl noch lange zur Grundausstattung von Staaten und ist doch in Deutschland, einem der reicheren und mächtigeren Staaten der Welt, vielen Menschen fremd geworden. Wie begründen Soldatinnen und Soldaten ihren Dienst, gerade in einer wenig verständnisvollen Umgebung?
 
MH: Wir müssen doch zunächst von der geschichtlichen Erfahrung ausgehen, dass immer wieder stärkere Gruppen, Herrscher oder Staaten vermeintlich Schwächere rücksichtslos angegriffen haben. Hier sieht sich staatliches Militär mit seinem strengem Gehorsamsprinzip in der Verantwortung, das eigene Land – und in unserem Fall dessen freiheitlich demokratische Grundordnung und seinen Wohlstand - gegen solche Gefahren mit der Bereitschaft zu äußerster Gewaltanwendung zu schützen. Das gilt auch für die Christin oder den Humanisten, die wissen, dass Töten eigentlich nicht gut und die Nächsten zu lieben sind. 
Dabei wissen wir allerdings auch, dass militärische Gewalt schon oft missbraucht worden ist und missbraucht werden kann. Deshalb müssen zum einen die politisch und militärisch Befehlshabenden durch Gesetze in ihrer Macht begrenzt werden; zum anderen kann es trotzdem immer wieder für die einzelnen Akteure ethische Spannungen geben, Spannungen zwischen dem Ethos einzelner Befehlsempfänger und den zu befolgenden Befehlen. 
 
EH: Ich finde es enorm wichtig und beeindruckend, dass genau diese möglichen Spannungen zwischen dem wohlverstandenen, sorgfältig reflektierten Gewissen der Einzelnen und dem grundsätzlich zu befolgenden Befehl in der Bundeswehr als Thema gesehen und zu einem zentralen Punkt der ethischen Bildung gemacht werden. Immerhin gibt es Beispiele wie Graf von Stauffenberg, die ihr Gewissen über menschenverachtende Befehle gestellt haben.
 
MH: Spannungen sind aber auch möglich zwischen den politisch und ethisch legitimierten Zielen des Kampfes und den Erfolg versprechenden, aber u. U. unethischen Mitteln; genannt seien hier die Diskussionen um bewaffnete Drohnen, Streumunition, oder um sogenannte unvermeidbare Kollateralschäden. Ich betone aber: In unserem Rechtsstaat können und sollen Soldatinnen und Soldaten sich gegenüber Befehlen verweigern, die gegen das Völkerrecht oder auch gegen ihr eigenes Gewissen verstoßen.
 
HS: Bedeutet die Rede von den militärischen Mitteln den Vorrang des Politischen, also auch die Unterordnung des Kampfes, des Militärischen in unserer Werteordnung? Dann wäre dies Ausdruck von zivilisatorischem Fortschritt. So denkt ja die Moderne. Aber mir bleiben Fragen: ist mit der Entscheidung für die richtigen Ziele ethisch alles gesagt? – Wie kommen wir denn zu Maßstäben für richtiges Handeln in der Situation?
 
Hier gibt es den Vorschlag, die altertümliche Tugend der Ritterlichkeit in moderner Fassung wieder ins Spiel zu bringen; Der Ritter, in einer gewiss idealisierten und überhöhten Vorstellung, verpflichtete sich ja zu einem Handeln aus Liebe und in Gerechtigkeit, und er versprach, eher Risiken für sich selbst einzugehen als Unrecht zu tun oder zuzulassen – auch im Kampf. Aufs Heute gewendet: 
 
In einer Haltung der Selbstbindung und des Sich-Besinnens wären Entscheidungsträgerinnen und Befehlsempfänger bereit, auch wünschenswerte Ziele zu modifizieren oder nicht zu erreichen, wenn der moralische Preis für die Zielerreichung zu hoch wird. 
 
So wie militär-medizinisches Personal und die Militärgeistlichen humanitäre und seelsorgliche Hilfe unparteiisch leisten, ihr Handeln also an der Humanität aller Menschen ausrichten, würden Militärs nicht fixiert sein auf die unbedingte Durchsetzung der eigenen ‘guten‘ Ziele, sondern im ‚Dazwischen‘, im ‚in-between‘ nach Möglichkeiten des richtigen Handelns suchen; die gleiche Menschheit in Allen stünde über der Gerechtigkeit der eigenen Kriegsgründe. Der Horizont für das Handeln wäre letztlich das Bewusstsein einer uns alle bestimmenden gegenseitigen Abhängigkeit und Begrenztheit von Macht und Stärke. 
 
MH: Dass Ritterlichkeit, wenn auch in modernisierter Sprache, heute noch handlungsleitend sein kann, möchte ich bezweifeln; mir scheint der klare rechtliche Rahmen, v.a. das Grundgesetz, verbunden mit dem Respekt vor dem Gewissen der einzelnen Militär-Angehörigen und der sorgfältigen ethischen Bildung und Reflektion in der Bundeswehr eine solide Basis zu sein, auf der auch Christinnen und Christen dort Dienst tun können – und sollen.
 
EH: Auch ich sehe es so, dass wir mit der Verbindung von demokratisch gefällten Entscheidungen auf politischer Ebene, solider militärischer Disziplin und gleichzeitig hoher Achtung vor dem wohlverstandenen Gewissen der Einzelnen ethisch gut aufgestellt sind. 
 
Elmar Haas
Markus Heubes
Hermann Schwörer
 

Wir haben gelesen
Bernhard Koch: “God, how I hate the 20th century” – Zur Ritterlichkeit als Mythos und als ethische Tugend, 2021
Hülya Süzen in: Bundeswehrverband, Lieber Ritter als Prinzessin, 21.06.2023
Bundeswehr.de, Handbuch innere Führung