Religion - Friedensmacht oder dunkler Grund der Gewalt?
Sind Religionen, zumal monotheistische, mindestens Katalysatoren, wenn nicht gar Ursache besonders enthemmter Gewalt?
Wer dies heute als Verdacht äußert, wird leicht Zustimmung finden, und er/sie kann ja auch mit vielen Beispielen aufwarten, die diese These zu belegen scheinen.
Es ließe sich auf ausdrückliche, in religiöse Sprache gekleidete Gewaltaufrufe abheben oder auf die Tatsache hinweisen, dass religiöse Institutionen durch die Verquickung von Wahrheitsanspruch und Herrschaftslegitimation mittelbar all denen Gewalt androhen, die entweder dem Wahrheitsanspruch oder der Herrschaft nicht folgen wollen bzw. können. Gerade auch die Christentumsgeschichte liefert Anschauungsmaterial, und nicht nur im Agieren des russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill sehen wir eine Fortsetzung dieser Geschichte.
Ein zweites Mal und genauer hingeschaut, zeigt sich ein differenzierteres Bild: Beim Politikwissenschaftler Markus Weingardt können wir lernen, dass die aktuelle Wahrnehmung von den gewalttätigen Religionen in der langjährigen Fokussierung der Berichterstattung auf Konflikte im Nahen Osten begründet sei, wo Religionen tatsächlich eine wesentliche Rolle spielten. Insgesamt aber hätten nur 11 Prozent der kriegerischen Konflikte derzeit einen tatsächlich religiösen Konfliktgegenstand.
Konfliktführer missbrauchten häufig Heilige Schriften durch die selektive Betonung fragwürdiger einzelner Passagen.
Und was leicht vergessen werde, sei das erfahrbare, erwiesen friedensstiftende Potenzial der Religionen nicht nur im zwischenmenschlichen Bereich, sondern auch bei großen kriegerischen Konflikten.
Zu erinnern ist hier zum Beispiel an die entscheidende Rolle der Kirchen bei der Aussöhnung zwischen Deutschland und Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg oder an die Beendigung des Bürgerkriegs in Mozambique in den 1980er-Jahren v.a. auch durch die Vermittlung des Bischofs Goncalves und Abgesandte von Sant’Egidio; ähnliches gilt in Benin etwa zur selben Zeit. In den Gewaltexzessen zwischen Christen in Ruanda in den 1990er-Jahren hatten muslimische Ruander sich der Gewalt enthalten; in Kambodscha baute der buddhistische Mönch Maha Ghosanda eine umfassende Versöhnungsarbeit auf.
Diese Beispiele können bibel-orientierte Menschen dazu ermuntern, Abraham mit Omri Böhm als dem Inbegriff biblischer Prophetie zu folgen: Er verweigerte schlussendlich die Opferung Isaaks, folgte dem Engel, erkannte die Pflicht zur Gerechtigkeit als wahre Bedeutung des Glaubens.
Hermann Schwörer
Ich habe gelesen
Omri Boehm: Theologie des Ungehorsam, zeit.de
Markus A. Weingardt: Was Frieden schafft, 2018
Deutschlandfunkkultur: Wie der Glaube Frieden stiften kann, 2016
bpb: Konflikt- und Friedenspotential der Religionen, 2019
