Warum ich nicht mehr der Pazifist von 1980 sein kann

Aufgewachsen bin ich noch in der Zeit des Kalten Krieges mit ihren fragwürdigen weltanschaulichen Verhärtungen, mit manchmal geduldeter Alltags-Gewalt zwischen Peers und durch Erziehende. 

Das Konzept der Gewaltlosigkeit wirkte auf mich als Jugendlichen und jungen Erwachsenen befreiend.
 
Ein Jahr Freiwilligendienst bei Church and Peace brachte mich dann in Kontakt zu Christenmenschen, denen soziale und politische Versöhnungsarbeit Lebensaufgabe, militärische Absicherung hingegen fragwürdig war.
Das Ende der Gewalt
Kirchlich-theologisch gewann diese Faszination für Gewaltfreiheit ihre Begründung im Denken von René Girard. Er enttarnte in der Weltliteratur einen Reflex auf die “mimetische Faszination, Konkurrenz und Gewalt‟, die alles menschliche Streben durchdringe. Und er arbeitete in der Bibel außergewöhnliche Perspektiven der Opfer heraus - deren Blick auf die Welt sei die eigentliche Offenbarung. Altehrwürdige Kulte und Herrschaftstraditionen zeigen dadurch ein anderes, oft erschreckendes Gesicht.

Verborgene Gewaltverhältnisse aufdecken und zugleich das Zutrauen in die Liebe als eigentlich tragende Gottesmacht biblisch begründen - das traf ich gut mit dem Wunsch, diejenigen ins recht zu setzen, die menschlich und politisch dem Wohlwollen mehr zutrauten als dem Misstrauen dem Brücken- mehr als dem Mauerbau. Inzwischen gewannen zivile Konfliktbeilegung und Friedensarbeit, gewaltfreie Erziehung auch politisch an Bedeutung. War nicht anderseits die Welt im Bereich der Sicherheitsapparate, auch an der eigenen, westlichen Hemisphäre voll von zynischen Menschenverächtern? War nicht schon jedes Sich-Einüben in Kriegshandeln, jedes Trainieren des Tötens, jegliche Rüstung das Eintreten auf einen verhängnisvollen Weg – wo es doch besser gab?
In Srebrenica hat Europa versagt 
Spätestens mit den Balkan-Kriegen in den 1990er Jahren mussten wir aber sehen: Auch die politische Entscheidung zum Verzicht auf Militärische Einsätze konnte zynischem Kalkül folgen. Selbst Friedensaktivist*innen, inzwischen in politischer Verantwortung, stellten fest: Der Einsatz militärischer Mittel kann in bestimmten Situationen ethisch und politisch mindestens so gut begründet werden wie der Verzicht darauf.

Mit dem Angriff Russlands auf die Integrität der Ukraine 2014 und dem Überfall 2022 sowie nach eingehender Beschäftigung mit deren Vorgeschichte ist für mich überdeutlich: Unbeschadet aller notwendigen Kritik an politischen, ökonomischen, militärischen Verfehlungen des eigenen, westliche Lagers ist der Verzicht auf massive militärische Unterstützung der Angegriffenen politisch nicht mehr nachvollziehbar zu begründen. Mehr noch: Es scheint mir, dass hier die Möglichkeit der Herrschaft des Rechts durch die Unterstützung des blutigen Abwehrkampfs um die Herrschaft auf dem Territorium offengehalten werden muss.

Bin ich dadurch zum Bellizisten geworden?

Hermann Schwörer

Ich habe gelesen
René Girard: Das Ende der Gewalt, 2021
Eva Quistorp: Die Waffen nieder? 2022
Gudrun Steinacker: In Srebrenica hat Europa versagt, 2020