Vorwort des Ausschussvorsitzenden

Der Krieg gegen die Ukraine bringt bisherige Vorstellungen von Krieg und Frieden ins Wanken.

Er hat neues und intensiveres Nachdenken über die Erfordernisse einer realitätsnahen christlichen Friedensethik und einer werteorientierten Friedenspolitik in Gang gebracht.
 
Im Ausschuss Politik und Gesellschaft des Diözesanrats Freiburg haben kirchlich Engagierte sich der Aufgabe unterzogen, diese Erschütterungen wahrzunehmen und zu benennen, Hintergründe auszuleuchten und Anregungen zum eigenen Tun und Nachdenken zu geben. Ihnen ist es ein Anliegen, ihre unterschiedlichen Sichtweisen ins Spiel zu bringen. Erwarten Sie in der hier vorgelegten Broschüre also nicht den einen, ausgewogen-gemeinsamen Standpunkt, seien Sie gespannt auf ein offenes Gespräch.
Als Ausschussvorsitzender möchte ich gleichwohl neben der Übersicht über unsere Arbeit eine vorläufige Einschätzung der Situation geben.
 
In weiten Teilen der Bevölkerung können wir einen breiten Konsens feststellen. Russland ist der Angreifer und Putin ist ein Verbrecher, die Ukraine benötigt sehr viel finanzielle und militärische Hilfe, Deutschland muss sich um ukrainische Flüchtlinge kümmern, die Ukraine darf den Krieg nicht verlieren, aber der Krieg darf auch nicht zum NATO-Russland-Krieg eskalieren. Gleichzeitig scheint die Neigung zuzunehmen, Menschen mit anderer Meinung in dieser Debatte nicht mehr ernst zu nehmen, ja sie herabzuwürdigen.
Wir erleben einen Prozess gegenseitiger Anfeindungen, lautstarker Rechthaberei und wechselseitiger Beleidigungen. Die Identifizierung des Meinungsgegners als Feind oder die Übertragung des Schwarz-Weiß-Denkens vom Schützengraben in die Talkshows wird einer friedensethischen Debatte in komplexen und schwierigen Zusammenhängen nicht gerecht. Wir müssen versuchen mit gesellschaftlichen Veränderungen diskursiv umzugehen.
 
Diesem Anspruch versuchen die Mitglieder des Ausschusses in dieser Broschüre gerecht zu werden.
 
Kriege sind keine übernatürlichen Erscheinungen, keine Schicksale. Kriege sind Menschenwerk, deshalb gilt grundsätzlich: Auch die Kriegsverhinderung ist Menschenwerk.
 
Wenn in diesem Zusammenhang von „Zeitenwende” gesprochen wird, sollte dies doch vor allem bedeuten: Wir haben uns in Vielem getäuscht bzw. täuschen lassen. Hier wird viel aufzuarbeiten sein, Erschütterungen müssen zugelassen werden und sollten Folgen haben.
 
Zeitenwende bedeutet aber auch darüber nachzudenken, ob und wie es einen Ausweg aus den politischen, ökonomischen und militärischen Eskalationen geben kann. Insofern muss eine Zeitenwende mehr enthalten als die derzeitige Aufrüstung.
 
Wir sind uns der vielen Dilemmata bewusst, die dieser Krieg produziert.
 
Aus guten und ethisch geankerten Gründen ist die Unterstützung der Angegriffenen in diesem Krieg gerechtfertigt. Das Ringen zweier moderner Armeen ist ein blutiges, schreckliches Gemetzel. Wie immer wir uns positionieren: Wir können in dieser Situation keine weiße Weste behalten. 

Wir thematisieren diese Aspekte in der vorliegenden Broschüre. Aber vielleicht ist auch dieser Gedanke wichtig: Gerade, weil man in einem Krieg Partei ergreift, braucht es Menschen, die jegliches Engagement in einem Krieg und für einen Krieg zurückweisen. Möglicherweise muss man die Argumente gegen Krieg genau dann hören, wenn man sie am wenigsten hören will. 

Im Sinne von Papst Franziskus, der schon im Juni 2022 zu bedenken gab, dass wir nicht das ganze Drama hinter diesem Krieg sehen, der vielleicht „provoziert, oder nicht verhindert” worden sei, ist es uns wichtig, den Blick über den eigenen Tellerrand hinaus zu lenken.

Wenn weltweit immer mehr Menschen unter Hunger, den Folgen der Klimakrise und Kriegen leiden, kann eine christliche Friedensethik nur umfassend gedacht werden – als Frieden auf und mit der Erde. 
 
Der Angriffskrieg gegen die Ukraine hat unsere Friedensperspektive auf militärische Fragen gelenkt und somit verengt. Eine nachhaltige Friedenspolitik, wie sie auch Papst Franziskus in seinen Enzykliken „Laudato si” und „Fratelli tutti” beschreibt, geht über eine Waffenruhe hinaus und zielt auf einen umfassenden sozialen, ökologischen und politischen Frieden ab.
 
Wir plädieren für einen in diesem Sinne gerechten Frieden, für ein gewaltfreies Miteinander sowie gerechte und nachhaltige Wirtschafts- und
Sozialstrukturen – so eine Verlautbarung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken.

Hierzu möchte diese Broschüre aus christlichem Blickwinkel Denkanstöße geben, prägnant, fundiert, aber keineswegs vereinheitlichend und auch nicht widerspruchsfrei. Wir sind fest davon überzeugt, auf diese Weise im besten Sinne „katholisch im Plural” zu sein und hoffen auf eine konstruktive und wertschätzende Debatte.
 
Christoph Bayer,
Vorsitzender des Ausschusses
„Politik und Gesellschaft” des Diözesanrates
der Erzdiözese Freiburg