Fairer Handel und Kolonialismus

Gegen Ungerechtigkeit und Ungleichheit im Welthandel

Vor über 50 Jahren hat sich der Faire Handel zum Ziel gesetzt, Ungerechtigkeit und Ungleichheit im Welthandel zu beseitigen.
 
Die Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus war von Anfang an eine Herausforderung in der Geschichte des Fairen Handels.
 
Koloniale Herrschaftsverhältnisse sind mit den historischen Unabhängigkeitserklärungen nicht automatisch aufgehoben worden. Koloniale und rassistische Muster dauern an: Ausbeutung und Unterdrückung sind heute manchmal unsichtbarer und subtiler, aber immer noch und vorwiegend in wirtschaftlichen Machtstrukturen verankert.  
 
Der Faire Handel lebt von ehemaligen „Kolonialwaren“ wie Baumwolle, Kakao oder Kaffee. Diese Rohstoffe sind historisch eng mit Kolonialismus und Sklavenhandel verbunden. 
 
Beispiele für Welthandelsstrukturen, die ehemals kolonialisierte Länder benachteiligen, sind:
  • Höhere Zinsen um Geld zu leihen, da schlechtere Kreditwürdigkeit des Staates.
  • Nachteilige Freihandelsabkommen: Export vor allem von Rohstoffen und Import von mehrheitlich verarbeiteten Produkten, was zu einer negativen Handelsbilanz führt.
  • Subventionen der Europäischen Union auf Agrar-Exportprodukte, wie z.B. Hühnerfleisch, Tomatenmark oder Milchpulver, welche lokale Märkte im Globalen Süden zerstören
  • Export von Elektroschrott, Altkleider oder Plastikmüll, was vor Ort nicht immer recycelt werden kann.
Fairer Handel ist eine globale Partnerschaft, die auf Dialog, Transparenz und Respekt beruht, um benachteiligte Produzent*innen, insbesondere in Ländern des Globalen Südens, durch bessere Arbeitsbedingungen und faire Preise zu unterstützen. Langfristige Handelsbeziehungen, garantierte Mindestpreise, Verbot von Kinderarbeit und Förderung von Bio-Anbau stärken die Selbstbestimmtheit. Existenzsichernde Löhne, menschenwürdige Arbeitsbedingungen, demokratische Strukturen in Kooperativen und die Stärkung von Frauen sind wichtige Prinzipien des Fairen Handels.
Der Zugang zum Weltmarkt für Kleinbauern und Handwerksgruppen und eine langfristige Planungssicherheit prägen die Partnerschaft auf Augenhöhe.
 
Aktionen z.B. am Weltladentag und in der Fairen Woche haben das Ziel, das Profil des Fairen Handels zu schärfen, gemeinsame Forderungen gegenüber Politik, Wirtschaft und Handel durchzusetzen und eine stärkere Ausweitung des Fairen Handels zu erreichen.
Zunehmend engagieren sich auch Kommunen als „Fairtrade-Towns“.
 
Aktionen z.B. am Weltladentag und in der Fairen Woche haben das Ziel,  das Profil des Fairen Handels zu schärfen, gemeinsame Forderungen gegenüber Politik, Wirtschaft und Handel durchzusetzen und eine stärkere Ausweitung des Fairen Handels zu erreichen.
Stellvertretend für den fairen Handel folgen hier einige Beispiele:
Selyna Peiris ist Direktorin der Selyn & Selyn Foundation, eines der führenden Textilunternehmen in Sri Lanka. Das Unternehmen ist dem Fairen Handel eng verbunden und hat sich vor allem der Schaffung von Arbeitsplätzen und Einkommen für benachteiligte Frauen verschrieben. Peiris beklagt, dass insbesondere kleinere Produzenten im Süden mit den Vorschriften und Richtlinien des Nordens überfordert sind. Anstatt Unterstützung zu bieten, spiegeln diese Praktiken des Datenaustausches allzu oft die koloniale Ausbeutung wider. Regulatorische Anforderungen werden als moderne Form der Kontrolle angesehen. Vom Süden wird erwartet, sich den Regeln des Nordens zu unterwerfen oder mit dem Ausschluss vom Weltmarkt zu rechnen – eine Konstellation, die die kolonialen Beziehungen widerspiegelt.
 
Bernard Outah ist Regionaldirektor der WFTO (World Fair Trade Organization: internationale Organisation für alternativen Handel – globales Netzwerk in über 70 Ländern)  in Afrika und im Nahen Osten.
Ein wichtiger Bereich, in dem das koloniale Erbe im Fairen Handel fortbestehe, sei der Export von Rohstoffen. Historisch gesehen waren die Kolonien im Globalen Süden als Exporteure von landwirtschaftlichen Rohstoffen strukturiert. Kaffee, Tee und Kakao werden in der Regel in den Globalen Norden exportiert, wo sie weiterverarbeitet werden. Diese Praxis beraubt die Erzeugerländer der Möglichkeiten zur Schaffung von Arbeitsplätzen und wirtschaftlichem Wachstum. Die Herstellung von Schokolade vor Ort würde die heimische Wirtschaft erheblich ankurbeln und zusätzliche Arbeitsplätze schaffen. 
 
Ein positives Beispiel ist fairafic. Das deutsch-ghanaisches Unternehmen aus München und Amanase, Ghana, revolutioniert die Schokoladenwelt und stärkt die Wirtschaft in Afrika. Seit 2016 produziert es als erstes europäisches Unternehmen, vom Kakaobaum bis zur fertig verpackten Tafel, Weltklasse-Bio-Schokolade in Ghana. Der Gründer Hendrik Reimers gewann bei einer Reise in Ostafrika die Einsicht, dass Armut stark mit den reinen Rohstoffexporten afrikanischer Länder zusammenhängt: Ohne Wertschöpfung vor Ort, fließt der Wohlstand in den Globalen Norden. fairafric unterstützt mit der eigenen Fabrik vor Ort den Aufbau lokaler wirtschaftlicher Strukturen und schafft mittelständische Jobs in der Weiterverarbeitung. Somit hat jede Tafel eine enorme wirtschaftliche, ökologische und soziale Wirkung. 500% mehr lokales Einkommen bleiben in Ghana im Vergleich zu herkömmlichen Fairtrade Schokolade.
 
In einem weiteren Statement beschreibt Barend Salomo, Geschäftsführender Vorstand einer Rooibos Kooperative in Rietmond/Südafrika, wie die Bewohner dieses Dorfes als rechtmäßige Eigentümer um die Landrechte auf ihr angestammtes Land kämpfen müssen.
 
„Fairer Handel bedeutet nicht Wohltätigkeit“ betont Musa Mpofu in einem Interview von Brot für die Welt. In einem Projekt der WFTO versucht sie in Südafrika Unternehmen aufzubauen, die nach Fairtrade Kriterien die lokale Wirtschaft voranbringen. Kleine Unternehmen, die fair, ethisch und nachhaltig arbeiten und vor Ort Geschäfte machen, kurbeln die lokale Wirtschaft an und stärken so die Gemeinden und das Zusammenleben vor Ort.
Entwicklungszusammenarbeit in Deutschland ist keine Geldverschwendung, sondern mindert die hohe Arbeitslosenquote in Afrika und fördert „Stabilität und Frieden, indem sie die Ursachen von Armut, Ungleichheit und Konflikten angeht.“
 
Werkzeug zur Armutsbekämpfung
Weltweite Entwicklungen wie der Klimawandel und Wirtschaftskrisen haben massive negative Auswirkungen auf Ernährungssicherheit, Gesundheit und Bildung der Menschen im Globalen Süden. Für Entwicklungsorganisationen bleibt der Faire Handel genau deswegen ein wichtiges Instrument zur Armutsbekämpfung und zur Abfederung der Krisenauswirkungen.
Fairer Handel bedeutet heute nicht mehr nur, dass im Süden produziert und im Norden konsumiert wird: Nationale Fairhandelsbewegungen wie beispielsweise in Mexiko oder Südafrika nehmen immer erfolgreicher ihren Binnenmarkt in den Blick und schaffen Absatzmöglichkeiten vor Ort für fair gehandelte Produkte.
 
Statt auf reine Gewinnmaximierung legt der Faire Handel den Fokus insbesondere auf die Menschen und die Umwelt.
 
Willi Moosmann – Mitglied im Ausschuss Weltkirche und Partnerschaft

Quelle:
Koloniale Kontinuitäten im Fairen Handel überwinden, Ein Einstiegsheft zum aktiv werden,  FORUM FAIRER HANDEL, Dezember 2024